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Warum es sich lohnt, öfter Nein zu sagen

Warum es sich lohnt, öfter Nein zu sagen

Frauen zögern nicht, sie machen einfach. Backen nach dem Job noch Dinkel-Kekse fürs Kitafest, schmeißen den Haushalt und balancieren am Rand der emotionalen Erschöpfung. Schluss damit! Ein Plädoyer für mehr „,Ich bin raus, mach’s doch selber!“

Frauen stecken in einem Dilemma. Sie sollen festgelegten Erwartungen entsprechen und dabei ganz sie selbst sein. Sie sollen ihren Körper lieben, während ihnen tagtäglich suggeriert wird, dass er nicht schlank genug sei. Sie sollen sich voll entfalten, während sie bereits 110 Prozent geben und dafür kaum Wertschätzung erfahren. „Die gesellschaftliche Erwartung ist, dass Frauen immer glücklich, ruhig und aufmerksam anderen gegenüber sind“, sagt Dr. lia Nagoski, die das Buch „Stress: Warum Frauen leichter ausbrennen und was sie für sich tun können“ geschrieben hat. Und genau das ist der Grund dafür, dass immer mehr Frauen in der emotionalen Erschöpfung landen. „Es ist nicht so, dass die weibliche Persönlichkeitsstruktur einen grundsätzlich anfälliger dafür macht, auszubauen“, sagt Nagoski. „Es ist aber sehr wohl so, dass es stressiger ist, eine Frau zu sein, weil die gesellschaftlichen Erwartungen so hoch sind.“

AUGEN ZU UND DURCH? AUF DAUER KEINE GUTE IDEE!

Frauen neigen dazu, trotzdem einfach weiterzumachen. „Die Anforderungen von außen und das eigene Pflichtgefühl spielen eine große Rolle“, sagt Prof. Dr. Götz, Psychiater, Psychotherapeut und Medizinischer Geschäftsführer der Berliner Oberbergkliniken. „Oft ist die Belastung dreifach: Sehr viele Frauen sind durch den Beruf, die Kinder und den Haushalt stark eingebunden. Wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen, geht es dort gleich weiter. Frauen sollen alle Aufgaben gleichzeitig erfüllen und wollen selbst dabei noch perfekt sein – das kann gar nicht gut gehen.“

GEFANGEN IN DER STRESSSPIRALE

Geht es auch nicht. Deshalb endet es für viele in der sogenannten emotionalen Erschöpfung, die sich durch Dauermüdigkeit, mangelnde Leistungsfähigkeit, aber auch durch Verspannungen und Migräne auszeichnet. „Das ist die Vorstufe eines Burn-outs“, warnt Nagoski. „Dieser Zustand tritt ein, wenn man ständig stressigen Situationen ausgesetzt ist und diese nicht effektiv bewältigen kann, sondern ignoriert und weiter macht wie bisher.“ Höchste Zeit also, Stopp zu sagen und den Stresskreislauf zu durchbrechen. Laut Expertin Nagoski besteht der erste Schritt dazu darin, sich klarzumachen, was bei einer Stressreaktion physiologisch im Körper geschieht. Stellen Sie sich kurz vor, plötzlich stünde ein Löwe vor Ihnen. Was passiert? Blut und Sauerstoff werden in Ihre Muskeln geschossen, sie spannen sich an, das Herz schlägt schneller, jede Menge Cortisol wird ausgeschüttet. Wenn Sie jetzt fliehen, schließen Sie den Stresskreislauf, denn Sie nutzen das durch Ihre Adern schießende Cortisol in einer guten Weise, die dem Körper nach der Stresssituation erlaubt, wieder in seinen Normalzustand zurückzukehren. Stellen Sie sich nun vor, der Löwe sei Ihre Ch fin, die Sie vor versammelter Mannschaft grundlos rund macht und Sie sich nicht wehren können. Was passiert? Auch hier laufen dieselben physiologischen Reaktionen ab. Nur mit dem Unterschied, dass die Muskelspannung weiterhin erhöht bleibt, genauso wie der Cortisolspiegel selbst wenn der Vorfall längst vorbei ist. Weil Sie aber keinen Dampf ablassen können, kann sich der Stresskreislauf nicht schließen und der Körper bleibt im Alarmzustand.

DIE WUT MUSS RAUS!

Genau da setzen Sie an. In solchen Situationen sollten Sie den Frust nicht mehr in sich hineinfressen, sondern ihn auf andere Art rauslassen. „Sie müssen etwas tun, das dem Körper signalisiert, dass Sie in Sicherheit sind, sonst bleiben Sie in diesem Zustand“, sagt Nagoski. „Körperliche Aktivität ist die effizienteste Strategie, um den Stresskreislauf zu schließen. Ihr Körper weiß nicht, was es bedeutet, einen zwischenmenschlichen Konflikt durch rationale Problemlösung aus der Welt zu schaffen. Er weiß aber sehr wohl, wie gut es sich anfühlt, auf und ab zu springen und den negativen Gefühlen damit ein Ventil zu geben.“ Falls Sie keine Lust auf Sport haben, ist das nicht schlimm: ,,Alles, was dem Körper erlaubt, in einen entspannten Zustand zurückzukehren, ist richtig. Egal, ob Sie eine ganze Nacht durchtanzen oder mit Ihren Mädels in der Bar das Spielchen, Meine Chefin ist blöder als deine spielen.“

3 REGELN FÜR MEHR GELASSENHEIT

Aber was kann Sie zukünftig dazu bringen, gar nicht mehr in solche Stresssituationen zu kommen? Dafür brauchen Sie nur 3 Dinge. Erstens: Setzen Sie Grenzen. „Das scheint erst einmal dem Wunsch zu widersprechen, anderen zu gefallen, weil man befürchtet, sein Gegenüber zu verärgern“, sagt Psychologin Jennie Miller. „In Wirklichkeit ist aber das Gegenteil der Fall. Wenn Sie klare Grenzen setzen, weiß jeder, wo er steht. Das macht es für alle leichter, sich in dem gesetzten Rahmen zu bewegen.“ Zweitens: Sagen Sie öfter Nein! Falls Ihnen das schwerfällt, üben Sie erst einmal in Situationen, in denen Sie emotional nicht sonderlich involviert sind („Möchten Sie noch einen Cappuccino?“- „Nein, danke!“). Und drittens: Nehmen Sie sich Zeit für sich! „Es ist unerlässlich, aktive Auszeiten für sich selbst zu finden“, sagt Prof. Mundle. Vielen Menschen fällt es besonders schwer, innerlich abzuschalten. Das gedankliche und geistige Abschalten ist jedoch ganz wichtig und kann zum Beispiel durch Atemübungen trainiert werden. Die Betroffenen müs sen sehen, dass sie nicht nur Gefangene der Ansprüche an derer sind, sondern Gestalter ihres Lebens.“ Und falls Sie es noch nicht verinnerlicht haben, rufen Sie sich immer wieder aktiv ins Gedächtnis: Die Kinder werden auch ohne Ihre selbstgebackenen Dinkel Kekse ein schönes kitafest haben. Selbst gekaufte Kekse tun’s nämlich auch.