Woher kommt eine Essstörung?

Immer mehr Frauen entwickeln einen krankhaften Umgang mit Lebensmitteln. Was steckt dahinter? Stress, ungelöste Probleme, falsche Figur Ideale: Anhand von typischen Aussagen Betroffener erklären wir, wie man der Ursache von Essstörungen auf die Spur kommen kann.

Meist fängt es schleichend an: Man beschäftigt sich stark mit Essen, verbannt nach und nach Lebensmittel vom Teller- bis alles schließlich in einer Essstörung endet. Schätzungen zufolge leiden 1 Prozent der Bevölkerung in Industriestaaten an Magersucht (Anorexie) und 1 bis 3 Prozent an Ess-Brechsucht (Bulimie); es sind fast ausschließlich Frauen. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts zeigt sogar fast jedes dritte Mädchen zwischen 11 und 17 Jahren Symptome einer Essstörung. Seit Jahren wächst die Zahl der Betroffenen – und damit sinkt die Chance auf einen schnellen Therapieplatz: Bis zu 12 Monate muss man derzeit je nach Region darauf warten. Die Diplom-Psychologinnen Katrin  und Ruth von Brachel der Ruhr-Universität Bochum haben deshalb die Online-Beratung „ESS KIMO“ entwickelt, in der sich Betroffene anonym in sechs Sitzungen mit dem Thema auseinandersetzen können. „Es gibt viele Ursachen für eine Essstörung. Bestimmte Muster findet man aber immer wieder“, erklärt Katrin. Anhand von typischen Statements aus der Online-Beratung erklären wir mit der Expertin, wie man, als ersten Schritt, den persönlichen Auslöser erkennen und darauf aufbauend die Krankheit loswerden kann. „Das ist bei leichten Problemen oft ohne Therapie möglich.“

Essstörungen durch ein Leben im Umbruch

In der Liebe klappt nichts, der Job ist weg, ein Familienmitglied ist krank: Es gibt Zeiten, da wächst einem alles über den Kopf. Essstörungen treten oft auf, wenn sich das Leben im Umbruch befindet, z.B. in der Pubertät oder nach Trennungen. „Das Essverhalten ist dann das Einzige, was die Betroffenen kontrollieren können. Und was ihnen Halt gibt“, erklärt Katrin.

Das hilft: Die Erkenntnis ist der erste Schritt zur Heilung. Leider geht im Leben nicht alles glatt. Auch wenn es wehtut: Kämpfen Sie sich durch schwierige Situationen, das macht stark für spätere Herausforderungen. Entspannungsmethoden wie autogenes Training helfen, mit Belastungen umzugehen. „Sie sollten jetzt darauf achten, was Ihnen guttut, und sich mit vielen solchen Glücksmomenten um geben“, rät die Psychologin.

Ich kann nichts essen

Essstörungen können sich sehr verschieden zeigen: Der Übergang von Anorexie zur Bulimie ist oft fließend, die Krankheiten können sich nach Lebensphase abwechseln. Oft zeigt sich das gespaltene Verhältnis zur Nahrung nicht immer gleich stark. Genau das hilft aber, der Ursache des Problems auf die Spur kommen.

Das hilft: Führen Sie ein Tagebuch, in das Sie eintragen, was Sie wann es sen und mit welchen Maßnahmen – wie Erbrechen, Abführmitteln, exzessivem Sport – Sie die Kalorien wieder loswerden. Notieren Sie jeweils dabei, was Sie gerade belastet. So erkennen Sie, was Ihnen in Wirklichkeit den Appetit so verdirbt. Oder was Sie buchstäblich zum Kotzen finden.

Schon meine Mutter hat nicht richtig gegessen

Unsere Gene können das Risiko für Essstörungen erhöhen, wie eine Studie mit eineiigen Zwillingen zeigt. „Ihr Einfluss ist aber viel geringer als bei anderen psychischen Störungen“, weiß Katrin . „Viel stärker wiegt das vorgelebte Essverhalten.“ Wenn Mütter Diät halten und an der Figur rum- mäkeln – schlimmstenfalls an der der Tochter -, wird ein falscher Umgang mit Nahrung schnell verinnerlicht. Das hilft: Überlegen Sie, ob die Wertmaßstäbe Ihrer Mutter wirklich so erstrebenswert sind? Sicher nicht alle.

Ihr ständiges Misstrauen haben Sie doch auch nicht übernommen – den komischen Umgang mit Essen sollten Sie deshalb genauso aus Ihrem Leben verbannen. Schreiben Sie eine Liste, welche Werte Ihnen wichtig sind – und zwar nur Ihnen alleine!

Ohne essen keine Energie

Essen ist unser Treibstoff. Ohne ihn kann der Körper nicht funktionieren. Wer zu wenig zu sich nimmt, friert schnell, wird schlapp und energielos. Später häufen sich aufgrund des Nährstoffmangels die Beschwerden. Bei Magersüchtigen bleibt z. B. die Regel aus, sie bekommen brüchige Haare, eine schlechte oder behaarte Haut und Osteoporose. Bulimikerinnen kämpfen oft mit angeätzten Zähnen, Sod brennen und Speiseröhrenproblemen – bis hin zum Krebs. Durch das Erbrechen entsteht zudem Elektrolytmangel, der einen Herzstillstand zu haben kann. Bei Anorexie ist die häufigste Todesursache der Suizid, da Depressionen im Verlauf zunehmen. Das hilft: Sich fragen: Will ich diese Folgen in Kauf nehmen? Schöner wird ein so geschwächter und zugerichteter Körper nämlich nicht. Vielleicht ist diese Aufzählung schon eine Motivation, an sich zu arbeiten. Sind bereits körperliche Symptome erkennbar, besteht Handlungsbedarf: Berichten Sie einem Arzt Ihres Vertrauens von der Krankheit, damit er weitere Schäden abwenden kann. Parallel hilft eine Psychotherapie, die Ursache zu behandeln.

Es gibt Tage, da hassen Betroffene ihre Krankheit. An anderen, wenn sie ein Kompliment für ihre Figur kriegen, fühlen sie sich gut damit. Viele wollen sie deshalb gar nicht hergeben, zumal sie oft ihr einziger Lebensinhalt ist, und wehren sich gegen die Behandlung. Dabei ist gerade eine frühe Therapie wichtig: Denn man braucht etwa so lange für die Überwindung einer Essstörung, wie man an ihr gelitten hat. Das hilft: „Das ambivalente Verhältnis zu Essstörungen ist oft schuld daran, dass Therapien abgebrochen werden“, weiß . Sie rät, eine Pro-& Contra-Liste zu schreiben, um herauszufinden, was man von Anorexie oder Bulimie tatsächlich hat. „Notieren Sie, was kurzfristig gut bzw. schlecht ist – und was langfristig.“ Schwarz auf Weiß sieht man schnell, dass die Nachteile überwiegen. Überlegen Sie: Wie sehen Sie sich als alte Frau? Dürr in einer Umkleidekabine? Oder entspannt mit den Enkeln? Bei Letzterem Ziel sollten Sie Ihr Problem angehen: Eine massive Essstörung kann die Fruchtbarkeit nachhaltig schädigen.

Eine gute Figur ist mir einfach sehr wichtig

Wirklich? Ist sie es tatsächlich wert, immer auf Eis zu verzichten? Oder auf gemütliche Abendessen? Psychologen wissen, dass die Ursache von Anorexie und Bulimie weniger in einem übertriebenen Schönheitsstreben, sondern vielmehr in einem geringen Selbstbewusstsein zu suchen ist. Gerade Magersüchtige ziehen häufig ihr ganzes Ego aus dem Hungern, darin sind sie schließlich exzellent. Alle Gedanken konzentrieren sich aufs Nicht-Essen, andere Interessen verschwinden – ein Teufelskreis beginnt.

Das hilft: Zeichnen Sie „Selbstwertsäulen“: Was können Sie besonders gut? Was macht Sie aus? So finden Sie heraus, worauf Ihr Selbstwerthaus steht. Damit die ,,Gute Figur“-Säule schmaler wird, müssen Sie die anderen stärken. Das kann durch ein Hobby oder mehr Engagement im Job geschehen. Die „Schlankheits“-Säule nimmt übrigens schon von allein ab, wenn Sie sich von außen wie eine Freundin betrachten: Ist Ihnen bei Ihren Mädels wichtiger, dass sie eine top Figur haben – oder dass sie einfach nett und lustig sind? Eben, so sehen Sie auch die anderen: Die wollen mit Ihnen auch lieber lachen als Kalorien zählen.

Nach dem Essen geht es mir immer schlecht

Normalerweise reagiert der Körper mit Belohnungsgefühlen, wenn der Magen voll ist. Bei Magersüchtigen funktioniert dieser Prozess nicht mehr, sie fühlen sich stattdessen beim Hungern euphorisch. In Urzeiten sicherte so der Körper das Über leben, damit man auch geschwächt auf die Jagd gehen konnten. Diese Endorphinausschüttung bleibt nach dem Essen aus, Betroffene fühlen sich schlechter. Sie leiden aber auch unabhängig von den Hormonen: Mit etwas im Bauch ärgern sie sich über ihre mangelnde Disziplin.

Das hilft: Ein Entzug vom Hungern – so schwer er auch ist. Beginnen Sie mit einer normalen Mahlzeit am Tag und steigern Sie die Anzahl nach und nach. Zudem sollten Sie Woche für Woche neue „verbotene Lebensmittel wieder einführen. Ein weiterer psychologischer Trick: Spielen Sie normal essen“. Tun Sie einen Monat lang so, als ob Sie kein Problem haben. Das: kann tatsächlich funktionieren! Akzeptieren Sie dabei, dass der Körper sich erst wieder umstellen muss – bald geht es Ihnen besser als je zuvor.

Ich fühle mich zu Hause nicht wohl

Die Familie spielt eine große Rolle beim Überwinden der Probleme – sie kann sie aber auch auslösen. Bei zerrissenen Verhältnissen ist die Essstörung bisweilen Mittel zum Zweck, damit die Familie wieder enger zusammen rückt. Aber auch zu viel Harmonie kann problematisch sein. Dann dient gerade das bulimische Verhalten dazu, Aggressionen loszuwerden und still zu rebellieren Das hilft: Geht es Ihnen besser, wenn Sie etwas allein machen oder mit Freunden im Urlaub sind? Das könnte dafür sprechen, dass die Ursache der Störung im nahen Umfeld zu suchen ist. Fühlen Sie sich überbehütet? Nicht genug beachtet? Oder für alles verantwortlich? Eine Verhaltenstherapie kann familiäre Probleme ans Licht bringen – und Wege aufzeigen, wie man sie lösen kann „Die Unterstützung der Familie ist dabei wichtig. Studien zeigen, dass dadurch die Therapie viel erfolgreicher verläuft“, sagt Katrin .

Ich kann Nähe nicht richtig zulassen

Es gibt Fälle, da stehen Essstörungen auch in Zusammenhang mit negativen sexuellen Erfahrungen, im schlimmsten Fall mit Missbrauch. Betroffene hungern ihren Körper herunter, damit weibliche Rundungen möglichst komplett verschwinden.

Das hilft: Gehen Sie Berührungen am liebsten aus dem Weg? Klappt es in Liebesdingen nicht richtig? Und hassen Sie Ihre weichen Formen? Dann sollten Sie mit einem Psychologen nachforschen, ob Sie Missbrauchserfahrungen machen mussten. Sie können teilweise sehr lange zurück liegen. „In dem Fall sollte das Trauma zuerst behandelt werden, was aber sehr gut gelingt“, weiß Katrin . Dadurch verschwindet die Essstörung häufig wie von alleine.

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Marina Salow Profilbild
Auf Beautymadel möchte ich mich als Mutter und Hausfrau verwirklichen. Ich betreibe Beautymadel seit 2021 und schreibe Beiträge zum Themen wie Gesundheit, Ernährung, Beauty, Nachhaltigkeit und Wohlbefinden.