Gesundheit

Richtiger Umgang mit Antibiotika

Was passiert, wenn Antibiotika nicht mehr wirken? kann es sein, dass die harmlose Schürfwunde vom Skaten oder der Schnitt mit dem Küchenmesser im Krankenhaus oder im Extremfall sogar tödlich endet. Die Gefahr besteht immer dann, wenn sich die Wunden entzünden. Denn es haben sich zahlreiche Superkeime entwickelt, denen selbst die stärksten Mittel einfach nichts anhaben können. Die US-Behörden bezeichnen Antibiotikaresistenzen deswegen inzwischen als eines der drängendsten Gesundheitsprobleme unserer Zeit. Und das Schlimmste daran ist: Das Problem ist hausgemacht.

Geschätzte 500 bis 600 Tonnen Antibiotika pro Jahr verordnen die niedergelassenen Ärzte in Deutschland, so Prof. Michael von der Paul Gesellschaft für Chemotherapie. Hinzu kommen nochmal rund 100 Tonnen, die im Krankenhaus verabreicht werden. Eine enorme Menge. Im Durchschnitt nimmt jeder dritte Deutsche ein Antiinfektivum pro Jahr.

Es werden viel zu viele Antibiotika verordnet

Und manche noch viel mehr. So wie die Hamburgerin Karoline Naber. Sie litt unter Blasenentzündungen, unzähligen, bereits mit 14 Jahren fing es an. Alle 2 Monate kommen die Schmerzen und das Brennen. „Ich weiß nicht, wie viele Packungen Antibiotika ich in meinem Leben schon genommen habe“, sagt die 28-Jährige. „Aber mit keinem der gängigen Mittel habe ich das Problem dauerhaft in den Griff bekommen. Ich bin bald durchgedreht.“ Immerhin, nach über 10 Jahren mit den belastenden Infekten verordnet ihr ein Arzt das Mittel Nitrofurantoin – ein alter Arzneistoff, von dem man lange glaubte, man würde ihn kaum mehr brauchen. Denn er wirkt zwar gegen E.-coli-Bakterien, den typischen Erregern von Blasenentzündungen. In puncto Nebenwirkungen schneidet er aber längst nicht so gut ab wie andere Mittel, weil allergische Reaktionen der Lunge oder 

Je öfter Sie Tabletten schlucken, desto größer das Risiko das Leberentzündungen möglich sind. In den letzten Jahren allerdings hat der Wirkstoff eine steile, unerwartete Karriere gemacht. Aktuell wird er sogar in der offiziel len Leitlinie zur Behandlung von Harnwegsinfekten empfohlen als Mittel der ersten Wahl. Denn die üblichen Substanzen wirken nicht mehr zuverlässig.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit

„Wir haben inzwischen Resistenzraten von 30 Prozent und mehr“, sagt Prof. Florian, Urologe an der Universität Gießen und Erstautor der Leitlinie. Das heißt, jeder dritte Bakterienstamm reagiert nicht mehr auf das Medikament Cotrim, jahrzehntelang das Mittel gegen Blasenentzündungen. „Dieses scharfe Schwert ist stumpf geworden“, so Wagenlehner. Gegen den Wirkstoff Ampicillin sind sogar rund 40 Prozent der Keime resistent. Und selbst auf soge nannte Fluorchinolone, die zu den potentesten Mitteln überhaupt zählen, reagieren inzwischen über 10 Prozent der Erreger nicht mehr ausreichend. Als diese und einige andere der bis heute stärksten Substanzen vor rund 30 Jahren auf den Markt kamen, fühlte man sich, „als hätte man den Kampf gegen Bakterien fast schon gewonnen“, erinnert sich Kresken. Doch der allzu unbekümmerte Umgang mit den lebensrettenden Arzneistoffen hat die Lage dramatisch verschlechtert; seit Ende der 80er-Jahre haben die Resistenzen enorm zugenommen. Und das Problem verschärft sich auf zweierlei Weise: Zum einen werden wir alle älter, und ältere Leute brauchen eher mal ein Antibiotikum als jüngere Erwachsene, weil ihre Körperfunktionen langsam nachlassen und das Infekte begünstigt. Zum anderen kommen keine neuen Arzneimittel nach. Nur noch eine Handvoll der großen Pharmafirmen entwickelt überhaupt noch potenzielle Wirkstoffe – aus wirtschaftlichen Gründen. Denn Mittel, die man nicht nur ein paar Wochen, sondern wie einen Blutdrucksenker jahrelang nehmen sind für die Hersteller deutlich lukrativer.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht längst von einem Wettlauf gegen die Zeit. Auch Krankheitsgeschichten wie die von Karoline – mit mehreren Packungen Antiinfektiva pro Jahr – haben ihren Anteil daran, dass die Situation heute so schlecht ist. Denn je mehr man die Medikamente nimmt, umso wahrscheinlicher sind Resistenzen. Ver schiedenen Studien zufolge steigt nämlich die Wahrscheinlichkeit für eine Resistenz gegenüber einer Substanz, wenn diese mehrmals innerhalb der letzten Monate genommen wurde. Das ist auch kein Wunder: In einer großen Bakterienpopulation gibt es immer einzelne Erreger, die einem Antibiotikum besser widerstehen können als andere. Genau die sind es, die eine Behandlung überleben, die empfindlichen gehen sofort ein. Das bedeutet: Mit jeder Packung verschlechtert man seine Situation, indem man die zähen Bakterien selektiert. Besonders stark ist dieser Effekt, wenn die Tabletten in zu geringer Dosierung oder nicht zu Ende genommen werden, weil das Fieber ja schon weg ist. Mit weniger Konkurrenz können sich die widerstandsfähigen Erreger erst recht ungehindert vermehren. Hinzu kommt: Die zuständigen Resistenzgene breiten sich nicht nur durch Vererbung („vertikal“) aus, sondern auch horizontal: Die Keime teilen sich dann gewissermaßen ein bestimmtes Stück Erbgut wie ein Wurstbrot. Sie geben es untereinander weiter – und auch an andere Erreger.

Widerstandsfähige Erreger werden immer stärker

Sogar die „guten“ Bakterien im Körper können diese Gene über nehmen. Solche, auf die wir angewiesen sind, weil sie im Speichel sowie auf Haut und Schleimhaut für die Abwehr von Erregern sorgen und im Darm vor allem das Immunsystem ausbilden. Wenn heute von „Kollateralschäden“ der Antibiotikatherapie die Rede ist, meint das deshalb nicht mehr nur das bloße Abtöten dieser nützlichen Bakterien (was man dann schnell zum Beispiel als Durchfall oder als Scheidenpilz zu spüren bekommt, um nur zwei der ganz typischen Nebenwirkungen von Antibiotika zu nennen), sondern auch die Resistenzbildung. Und so haben sich inzwischen zahlreiche sogenannte multiresistente (MRE-) Superkeime entwickelt, wie zum Beispiel die „Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus Stämme“. Diese MRSA genannten Bakterien reagieren nicht mehr auf Penicillin und verwandte Wirkstoffe („Beta Lactam-Antibiotika“), einige auf kaum einen Wirkstoff mehr. E. coli-Erreger, die das sogenannte NDM-1-Gen tragen (es gibt sie bisher vor allem in Pakistan und Indien), widerstehen bereits allen der bekannten Antibiotika – mit nur 2 Ausnahmen.

Solche Problemkeime verbreiten vor allem muss, im Krankenhaus Angst und Schrecken. Denn an und für sich ist es erst mal oft gar nicht dramatisch, einen MRE-Keim in sich zu tragen. Viele Bauern zum Beispiel sind nachgewiesenermaßen mit MRSA kolonisiert, ohne dass sich irgendwelche Symptome zeigten. Sie haben den Keim etwa von ihren Schweinen, und das ist kein Wunder: Die Weitergabe von Erregern und Resistenzgenen funktioniert auch von Tier zu Mensch (und umgekehrt), und noch mehr Antibiotika als den Menschen werden in Deutschland den Tieren verabreicht (rund 1800 Tonnen jährlich). Die multiresistenten Keime leben dann bei vielen von uns unbemerkt zum Beispiel in der Nase oder im Darm. Erst wenn man einmal in eine blöde Situation kommt (etwa mit einer offenen Wunde oder einem Katheter in der Klinik liegt, und das Immunsystem am Boden ist), kommen sie nicht selten zum Zug. Dann muss man oft einiges auffahren, um sie möglichst doch noch in den Griff zu nichts mehr aus bekommen: zum Beispiel mehrere Antibiotika kombinieren oder Dauerinfusionen verabreichen.

Jedes zweite Rezept ist tatsächlich eine Fehl Verordnung

Das alles ist der Preis dafür, dass so viele Antibiotika verschrieben werden. Und jetzt kommt das Unerträgliche: Viele Tabletten bringen absolut nichts. Vor allem bei den akuten Atemwegs erkrankungen von Erkältung bis Bronchitis: „Wir schätzen, dass hier die Hälfte aller Rezepte im ambulanten Bereich Fehl verordnungen sind“, sagt Kresken. Denn 99,9 Prozent aller akuten Atemwegsinfekte seien viral be dingt, so der Experte. Und gegen Erkältungs-, Grippe- oder sonstige Viren können Antibiotika nun mal nichts tun, weil sie ausschließlich im Stoffwechsel der Bakterien Schaden anrichten. Aber warum verordnen Ärzte so oft ein unnötiges oder das falsche Antibiotikum? Und warum schlucken sie so viele Patienten so bereitwillig, auch bei einem grippalen (Virus-)Infekt?

Vor allem, weil es sehr unbefriedigend ist, gar nichts tun zu können und 3 Tage hohes Fieber einfach aushalten zu müssen. Zumal heute jeder so schnell wie irgend möglich wieder fit sein muss. Für manche scheint zu dem erst das Rezept in der Hand die Bestätigung dafür zu dass sie richtig“ krank sind. Und die Ärzte? Das Grundproblem sein, ist, dass sie dem Husten oder den vereiterten Nebenhöhlen des Patienten ja nicht anhören oder ansehen können, welcher Keim der Verursacher ist oder ob überhaupt Bakterien im Spiel sind. Und für einen Abstrich oder eine Urinprobe mit Bakterienkultur (dauert mindestens 24 Stunden) ist im Alltag oft kein Platz, viel Geld bekommen Ärzte auch nicht dafür. Also verordnen sie viel zu oft doch ein Antibiotikum, aus dem Gefühl heraus, auf Nummer sicher zu gehen. Und dann viel zu oft auch noch ein sogenanntes Breitband Mittel, das gegen möglichst viele Keime wirkt, sich also wie der Vorschlaghammer zur Reißzwecke verhält. „Beides ist das Gegenteil von sicher“, so Kresken. „Denn je schmaler das Wirkspektrum eines antibiotisch wirksamen Arzneistoffs, desto geringer der Kollateralschaden.“ Penicillin V zum Beispiel werde heute viel zu selten verordnet, dabei sei es gegen viele Erreger immer noch ausgezeichnet wirksam, zum Beispiel gegen den der eitrigen Mandelentzündungen (Streptokokken).

Die lebensrettenden Arzneimittel werden verramscht

Erschwerend kommt hinzu, dass die starken Mittel „viel zu billig“ seien, so Erich. Seit rund 10 Jahren kostet die Behandlung nur noch etwa 2 Euro pro Tag. Wenn ein hochpotentes Fluorchinolon weniger als eine Tüte Haribo kos tet, wird es auch breit eingesetzt“, schimpft der Experte. Ein Fehler! „Wir verramschen diese lebensrettenden Mittel“, kritisiert Kresken. „Da kommen einem die Tränen, das kann man nicht anders sagen.“ Man müsse ihren Wert wieder stärker erkennen. „Früher sind die Leute an Blinddarmentzündungen gestorben, das haben wir einfach vergessen.“ Das Problem ist inzwischen erkannt und im Gesundheitssystem ganz oben aufgehängt worden: Gleich 3 Bundesministerien (Gesundheit, Forschung, Landwirtschaft) haben zusammen die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie (DART) entwickelt, die unter anderem die Vorbeugung und Bekämpfung von Resistenzen stärken will. Am Robert Koch-Institut gibt es die Antibiotika-Resistenz-Überwachung (ARS) und ein Fortbildungsprogramm zur rationalen Antibiotika Verschreibung für Mediziner. Komisch nur, dass. so wenig davon bei Ärzten und Patienten anzukommen scheint. „Es ist höchste Zeit für eine große Öffentlichkeitskampagne zum sorgsamen Umgang mit Antibiotika“, so Michael Kresken. Stimmt. Und solange wir darauf warten, sollten wir versuchen, Antibiotika so gut es geht zu vermeiden. Sie können lebensbedrohliche Krankheiten heilen. Wir müssen alle zusammen dafür sorgen, dass das so bleibt.

Bakterien Lieben Sportler

Ein guter Athlet gibt den Ball weiter. Nicht den Kelm.“ Diesen und ähnliche Sprüche gibt die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC als Poster heraus, im Internet hat sie eine Seite über Superkeime für Sportler und deren Betreuer eingerichtet. Grund für diese Kampagne? Sogenannte Co-MRSA (Community acquired, also in der öffentlichkeit erworbene multiresistente Keime) haben in den USA zuletzt auch unter jungen, aktiven Menschen für üble Hautinfektionen gesorgt. Und für Schlagzeilen, well einzelne Jugendliche sogar gestorben sind, nachdem sich die Keime Im Körper ausgebreitet hatten. Gerade bei Kontaktsportarten gibt man bei Jedem Training oder Spiel Erreger welter, das lässt sich gar nicht vermelden“, sagt Sportler Frank,am Universitätsklinikum „Und auch Infektionen über die Ausrüstung sind möglich.“ Betroffen sind also nicht nur Ringer und Ball- oder Mannschaftssportler. Auch Fechten und sogar Studiosport kann problematisch sein, zumindest wenn man mit verletzter Haut trainiert“, so Frank. Denn selbst ein kleiner Kratzer Ist eine mögliche Eintrittspforte für Keime Die CDC rät zu folgenden Hygienemaßnahmen: sofort nach dem Training duschen, Handtücher nur einmal benutzen, niemals das Equipment anderer ausleihen. Möglichst oft Hände waschen. Wunden mit einem Pflaster abdecken, bis sie verheilt sind. Wenn das länger als ein paar Tage dauert, die Stelle sich rötet und anschwillt, sollten Sie sle einem Arzt zeigen. Es ist nicht übertrieben, die eigene Yogamatte mit Ins Studio zu bringen oder die vorhandene mit einem XXL-Handtuch abzudecken. Angesichts der aktuellen Entwick lungen sollten solche Matten routinemäßig reinigend desinfiziert werden, ähnlich wie es bei öffentlichen Sonnenbänken gehandhabt wird“, so Frank. Ob das in jedem Studio der Fall ist? Da sind Zweifel berechtigt.

Was Sie tun können

Wenn Sie nach den folgenden Regeln leben, machen Sie in puncto Antibiotika alles richtig:

Keins nehmen oder zumindest nicht irgendeins

Stellen Sie sich bei Atemwegsinfekten erst einmal darauf ein, ohne Rezept aus der Praxis zu gehen. Fragen Sie gegebenenfalls nach, ob es ein Mittel mit einem schmalem Wirkspektrum gibt. Oder probieren Sie ein sogenanntes pflanzliches Antibiotikum, zum Beispiel aus Meerrettich und Kapuzinerkresse. Sie greifen die Erreger auf vielen Ebenen gleichzeitig an, und einige sind sogar gegen Viren wirksam

Pingelig sein bei der Dosierung

Schlucken Sie Ihre Tabletten immer genau nach ärztlicher Verordnung beziehungsweise bis die Packung leer ist – auch wenn Sie sich bereits besser fühlen! Halten Sie die empfohlenen zeitlichen Abstände zwischen den Tabletten ein. Und greifen Sie nicht in Eigenregie zu einem Tabletten Rest, der noch in der Schublade liegt.

Wunden desinfizieren

Auch wenn es zwiebelt: Mögliche Keime direkt mit einem Desinfektionsmittel bekämpfen. damit sich die Wunde Nicht entzündet.

Hände waschen

Banaler Rat, enorme Wirkung. Mindestens 20 Sekunden lang mit warmem Wasser und Seife, insbesondere nach dem Toilettengang, wenn Sie von draußen kommen und vor der Verarbeitung von Lebensmitteln.

Gemüse waschen

Waschen Sie alles Obst und Gemüse, bevor Sie es verarbeiten oder essen. Auch das, was Sie später noch pellen.

Fleisch durchgaren

In der Hitze gehen Proteine kaputt, auch die in Bakterien. Durch gebratenes Fleisch ist darum sicher.

Auf Fleisch aus Massentierhaltung verzichten

Denn je enger die Tiere stehen, desto mehr Antibiotika bekommen sie – und die sind im Fleisch.

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