Beruf

Wo sind die Grenzen zwischen Job und Privatsphäre?

Arbeiten Sie nur, oder wohnen Sie schon im Büro? Oder gehören Sie zu denen, die auf dem heimischen Sofa berufliche E-Mails lesen? Wir verraten Ihnen, wie Sie das richtige Maß finden und klare Grenzen ziehen.

Wie viel Privates darf auf den Schreibtisch?

Grundsätzlich so viel, wie Sie möchten und sich damit wohlfühlen. Aber auch wenn das Büro Ihr zweites Wohnzim mer ist, sollten Sie daran denken, dass Sie hier in erster Linie arbeiten und nicht leben. Daher gilt: „Übertreiben Sie es nicht. Das kann auch schnell einen unprofessionellen Eindruck machen“, rät Jurist und Buchautor Kitz. Orientieren Sie sich daran, wie die Kollegen ihre Büros eingerichtet haben – und sprechen Sie diese ruhig darauf an. „Persönliche Gegenstände sind immer auch eine Einladung, ins Gespräch zu kommen. Diese Chance sollte jeder ergreifen“, sagt Kitz.

Sind Freundschaften mit Kollegen okay?

Eins steht fest: Ist das Arbeitsklima gut, wird besser gearbeitet. Denn mehr Spaß bedeutet mehr Motivation, und das wiederum bringt bessere Ergebnisse hervor. Aus dieser Sicht spricht also nichts dagegen, sich mit Kollegen blendend zu verstehen und sich auch nach der Arbeit mal mit Ihnen zu verabreden. „Gute kollegiale Beziehungen sind von großer Bedeutung“, sagt Neurobiologe Prof. Dr. Bauer von der Universität Freiburg. Aber wer Freundschaften am Arbeitsplatz pflegt, muss sich auch der Probleme bewusst sein, die daraus resultieren können. „Weil der Zeit- und Leistungsdruck in vielen Firmen in den letzten 20 Jahren deutlich zugenommen hat, stieg auch das Risiko, dass im Job die Ellenbogen eingesetzt werden, zum Beispiel bei Angst um den Arbeitsplatz oder um Karriere zu machen.“ So nett die Kollegin also auch sein mag – besser, Sie vertrauen ihr nicht von Anfang an Ihre dunkelsten Geheimnisse an, die sie schlimmstenfalls gegen Sie verwenden kann. Bahnt sich aber eine echte Freundschaft an, sollten Sie unbedingt schon im Vorfeld darüber sprechen, wie man miteinander umgeht, wenn es wirklich mal richtig krachen sollte. Im Idealfall schaffen Sie es dann, private Streitigkeiten aus dem Joballtag herauszuhalten und erst nach Feier abend eine Lösung zu finden.

Muss man auch nach Feierabend Firmen mails beantworten?

„Nein“, sagt Bauer entschieden. „Feierabend ist Feierabend!“ Denn den Chef mit Übereifer beeindrucken zu wollen ist eine ziemlich blöde Idee: „Oft beginnt es mit, Noch ein bisschen zu Hause arbeiten‘. Aber dann dringt die Arbeit immer intensiver ins Privatleben ein.“ Wer rund um die Uhr erreichbar ist und (im wahrsten Sinne des Wortes) nie abschalten kann, erhöht sein Risiko enorm, einen Burn-out als Quittung zu bekommen. Das geht nämlich schneller, als man denkt: Laut einer aktuellen Studie der Techniker Krankenkasse empfinden 43 Prozent der arbeitenden Frauen inzwischen den Job als Stressfaktor Nummer 1 in ihrem Leben, weshalb heute schon fast jeder sechste Krankschreibungstag psychische Ursachen hat.

Wie verhindert man, dass auch zu Hause der Job permanent die Gedanken bestimmt?

Wenn das passiert, sind Sie Opfer des sogenannten Spill-over-Effekts. So. bezeichnen Arbeitspsychologen das Phänomen, nicht abschalten zu kön nen und sich zu Hause mit beruflichen Sorgen zu beschäftigen. Kommt das mal vor, ist der Übertragungseffekt nicht dramatisch. Lässt Sie die Arbeit aber immer öfter auch beim Abend essen oder im Bett nicht los, sollten die Alarmglocken schrillen, denn sonst droht auch hier irgendwann der Burn out. Aber keine Sorge, es gibt Möglichkeiten, rechtzeitig dagegen zu steuern: So ist ein stabiles soziales Netzwerk aus Familie und Freunden genauso wichtig wie- wer hätte es gedacht-regelmäßige Bewegung! Denn aktive Menschen sind nachweislich stressresistenter und weniger anfällig für seelische Belastungen, weil während des Sports Glückshormone ausgeschüttet und gleichzeitig Stresshormone abgebaut werden.

Sich bei Facebook oder Twitter über den Chef zu beschweren ist…?

… in erster Linie ziemlich dämlich. Also lassen Sie es. Mit jeder Pöbelei in sozialen Netzwerken machen Sie zwar Ihrem Ärger Luft-handeln sich aber unter Umständen noch größeren ein. Denn mit Ihren Online-Lästereien verstoßen Sie möglicherweise gegen Ihren Arbeitsvertrag, riskieren eine Abmahnung und im schlimmsten Fall sogar eine fristlose Kündigung. „Das kann passieren, wenn etwa die Persönlichkeitsrechte der Kollegen missachtet werden oder Sie Ihre Arbeitszeit nicht mit privatem Surfen im Internet hätten verbringen dürfen“, erklärt Experte Kitz. Hinzu kommt: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Chef mitliest, ist da- und gar nicht mal so gering. Tauchen dann 451 Postings während Ihrer offiziellen Arbeitszeit auf, liefern Sie ihm damit eine Steilvorlage, Sie zur Verantwortung zu ziehen.

Alle duzen sich, obwohl ein „Sie“ viel angemessener wäre

Das kommt drauf an. „Es gibt Arbeitsverträge oder Betriebsvereinbarungen, in denen das, Du‘ festgelegt ist. In dem Fall müssen Sie es hinnehmen“, erklärt Rechtsexperte Kitz. Und auch wenn Sie es jahrelang geduldet haben, können Sie nicht von heute auf morgen auf ein“Sie“ bestehen, nur weil Sie sich mit dem Kollegen verkracht haben oder der Chef Ihre Präsentation kritisierte. Dann ist das Duzen rechtlich gesehen längst Bestandteil des Arbeitsvertrages, weil der persönlichen Anrede so lange nicht widersprochen wurde. In allen anderen Fällen können Sie aber theoretisch jederzeit verlan gen, gesiezt zu werden. Bewerben Sie sich jedoch in einem Unternehmen, in dem das „Du“ normal ist, sollten Sie sich überlegen, was Sie mit dem Beharren auf einem „Sie“ auslösen: Verwunderung und Antipathie bei den Kollegen. Und ob das nun gute Voraus setzungen sind, in dem Job glücklich zu werden, sei mal dahingestellt.

Muss man den Geburtstag auch im Büro feiern?

Sofern Sie ein nettes Kollegium haben und dies zur Unternehmenskultur gehört: Machen Sie’s! Denn wer immer nur mitfeiert, selbst aber nie was mit bringt, verspielt schnell Sympathien. Und ob Sie nun eine ausgelassene Sause für die Kollegen organisieren oder nur einen Geburtstagskuchen für alle in die Küche stellen, bleibt ja immer noch Ihnen überlassen…

Darf man im Job Gefühle zeigen, oder ist das unpassend?

„Natürlich geht das!“, sagt Experte Kitz.“Schließlich sind wir Menschen und keine Maschinen.“ Genau deshalb sind Versuche, Emotionen aus dem Arbeitsalltag herauszuhalten, von vornherein zum Scheitern verurteilt. „Probieren Sie mal, ein Problem sachlich zu lösen, wie es oft gewünscht wird. In der Regel ist das der beste Weg, die Angelegenheit gerade nicht aus der Welt zu schaffen.“ Wichtig ist, dass Sie für alle Gefühlsregungen das richtige Maß finden – ohne zu übertreiben und die anderen zu überfordern. Denn es ist doch so (und das kennt man ja aus Erfahrung): Wer wochen lang am Schreibtisch einer Urlaubs liebe nachweint, nervt genau wie die Kollegin, die den ganzen Tag ausschließlich von ihrer Katze erzählt.

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